Als 2001 das Humangenom – also die gesamte Erbinformation des Menschen – veröffentlicht wurde, stellten Forscher eine Revolution bei der Entwicklung neuer Behandlungsmöglichkeiten in Aussicht.

Als diese nicht schon wenige Jahre später in die Behandlungspraxis Einzug hielten, hörte man viel Häme, der Optimismus sei wohl nur Wichtigtuerei gewesen.

Heute hingegen ist deutlich, dass die Forscher damals nicht zu viel versprochen haben: Tatsächlich konnten viele Medikamente wie auch bestimmte therapeutische Vorgehensweisen deshalb entwickelt werden, weil man seither im menschlichen Genbestand lesen kann wie in einem Buch. Und weil man auch die enorme Vielfalt der Variationen von Mensch zu Mensch darin herausarbeiten kann.

Mit jedem Jahr erweitern sich auch die Möglichkeiten, anhand des Erbguts einer Person Schlüsse zu ziehen, wofür sie besonders anfällig ist.

Das war beispielsweise wertvoll für Fortschritte im Bereich Erbkrankheiten: Zu vielen dieser Krankheiten wurden in den letzten 15 Jahren die zugrunde liegenden Genveränderungen ausfindig gemacht.

Und damit nicht genug: Intakte Versionen dieser Gene wurden auch von Pharmafirmen dafür genutzt, in Zellkulturen genau die Stoffe herzustellen, die den Patienten fehlen. Auf ähnliche Weise dürften in den kommenden Jahren noch viele weitere Erbkrankheiten besser behandelbar werden.

Seit Langem haben Mediziner und Pharmaforscher auch darauf hingearbeitet, bei Patienten mit Erbkrankheiten das Erbgut selbst zu „reparieren“. Eine erste solche Gentherapie hat Ende 2012 die Zulassung erhalten, eine zweite könnte 2016 dazukommen.

Während mit der ersten eine seltene Fettstoffwechselkrankheit behandelt wird, soll mit der zweiten die „Bubble-Boy“-Krankheit überwunden werden – eine schwere angeborene Immunschwäche, mit der Kinder nur in einer keimfreien Umgebung überleben können.

Dank verbesserter gentherapeutischer Techniken dürften bald noch viel mehr Erbkrankheiten ursächlich behandelbar werden. Aber auch für die Behandlung von Krankheiten ohne genetische Ursache hat sich die Untersuchung des Humangenoms als überaus hilfreich erwiesen.

Denn bei einigen Medikamenten kann heute mit einem Gentest schon vor der Anwendung abgeschätzt werden, ob das Mittel für einen bestimmten Patienten geeignet, das heißt wirksam und verträglich ist. Diese von Ärzten und Pharmaforschern entwickelte „Personalisierte Medizin“ genannte Behandlungsweise ist heute schon mit 42 verschiedenen Medikamenten möglich, und ständig werden es mehr.

Mit jedem Jahr erweitern sich auch die Möglichkeiten, anhand des Erbguts einer Person Schlüsse zu ziehen, wofür sie besonders anfällig ist oder welche Therapie im Krankheitsfall die beste sein dürfte. Doch ist hier Sorgfalt und Behutsamkeit angezeigt: Ja, das Humangenom ist ein offenes Buch, aber keins, das schon in allen Teilen richtig verstanden ist.

Manch ein Abschnitt wurde in den letzten Jahren überinterpretiert, manch anderer übersehen. Solange nicht einmal die Haarfarbe zuverlässig aus dem Genom vorhergesagt werden kann, darf auch eine wahrscheinliche Anfälligkeit für Herzkrankheiten nicht damit verwechselt werden, dass diese auch sicher später einträte.

Die Gene sind nicht alles: Jeder Mensch hat seine persönliche Lebensgeschichte, seine eigene Lebensart – und beides entscheidet mindestens ebenso sehr wie ein genetischer Kontext, zu welchen Krankheiten es kommt, welche Behandlung sich eignet und auch wie ein Arzt oder Apotheker den Menschen sinnvoll beraten kann.

Wenn dieser Eckpfeiler der Medizin aber nicht aus dem Blick gerät, werden wir in der Medizin noch viele Fortschritte erleben können dank weiterer Beschäftigung mit dem menschlichen Genom.