Die Alpha-Mannosidose ist eine sehr seltene Erkrankung. Können Sie bitte kurz erläutern, was im Körper der Betroffenen passiert?

Bei der Alpha-Mannosidose handelt es sich um eine sehr seltene angeborene Stoffwechselerkrankung. Durch einen Defekt des Enzyms Alpha-Mannosidase kommt es zu einer Störung im Abbau von Zuckerketten, die den Zucker Mannose enthalten. Diese Mannose-reichen Zuckerketten sammeln sich in bestimmten Zellbestandteilen, den Lysosomen, in verschiedenen Organen an und führen zu einer langsam fortschreitenden Schädigung dieser Organe.

Die Alpha-Mannosidose gehört, wie über 50 andere seltene Erkrankungen, zu der Gruppe der „lysosomalen Speichererkrankungen“. Lysosomen sind sehr kleine Zellbestandteile, die für den Abbau von zelleigenem und zellfremden Material zuständig sind. Bei einer Störung in der Funktion von Lysosomen resultiert eine Speicherung nicht-abgebauter Substanzen, weshalb diese Erkrankungen sämtlich „lysosomale Speichererkrankungen“ genannt werden.

Gibt es gezielte Symptome bzw. Symptomkombinationen bei denen Ärzte an die Alpha-Mannosidose oder zumindest an eine lysosomale Speicherkrankheit denken sollten?

Bei Geburt sind Kinder mit einer Alpha-Mannosidose klinisch unauffällig. Symptome entwickeln sich bei den betroffenen Patienten im Laufe der ersten Lebensjahre. Charakteristisch sind eine früh beginnende Schwerhörigkeit, wiederholte Infekte, Vergröberung der Gesichtszüge, Probleme des Bewegungsapparates und eine Störung der kognitiven Entwicklung. Oft werden die verschiedenen klinischen Probleme von unterschiedlichen Spezialisten behandelt, so dass es schwierig ist, das Gesamtbild als eine einzige Erkrankung einzuordnen.

Wie kann ein erster Verdacht der Erkrankung erhärtet und darauffolgend auch bestätigt werden?

Bei Verdacht auf eine Alpha-Mannosidose kann im ersten Schritt eine Screeninguntersuchung durchgeführt werden. Hierzu wird eine Urinprobe des Patienten auf die Ausscheidung komplexer Zuckerketten untersucht, da Patienten mit einer Alpha-Mannosidose typischerweise eine Erhöhung von Mannose-reichen Zuckerketten im Urin aufweisen. Da dies nur eine Screeninguntersuchung ist, kann es auch zu falsch negativen Ergebnissen kommen. Bei klarem Verdacht auf eine Alpha-Mannosidose empfehlen wir daher immer eine Untersuchung der Aktivität des Enzyms Alpha-Mannosidase und nachfolgend eine genetische Untersuchung.

Wohin sollten Ärzte ihre Patienten schicken, wenn sie den Verdacht einer seltenen Erkrankung hegen bzw. wohin können sich Patienten wenden, die einen Verdacht haben?

Bei Verdacht auf eine Alpha-Mannosidose oder eine andere seltene Erkrankung können sich Ärzte und Patienten an ein Zentrum für lysosomale Speichererkrankungen oder an ein Zentrum für seltene Erkrankungen verweisen. Die Villa Metabolica der Universitätsmedizin Mainz weist deutschlandweit die größte Erfahrung in der Behandlung von Patienten mit einer Alpha-Mannosidose auf.

Die Alpha-Mannosidose ist bislang nicht heilbar, aber therapierbar: Wo setzt diese Therapie an?

Da die Alpha-Mannosidose eine angeborene Erkrankung ist, besteht sie lebenslang. Durch die Speicherung der Mannose-reichen Zuckerketten kommt es zu einem kontinuierlichen Fortschreiten der Erkrankung. Wie Sie richtig sagen, ist eine Heilung bei der Alpha-Mannosidose noch nicht möglich. Es gibt jedoch die Möglichkeit einer Enzymersatztherapie.

Bei dieser Behandlung wird das defekte Enzym Alpha-Mannosidase durch ein biotechnologisch hergestelltes Enzym (Velmanase alfa) ersetzt. Das Medikament muss wöchentlich als Infusion über eine Vene verabreicht werden. Die sich bei der Alpha-Mannosidose anreichernden Mannose-haltigen Zuckerketten können durch Velmanase alfa zum Teil abgebaut werden und damit klinische Symptome verbessert oder teilweise verhindert werden.