Vor dem Schlaganfall war ich genau so ratlos, wie Sie, lieber Leser. Jemand, der ständig seinen Hausschlüssel verliert? Aber dann sollte es wohl eher „ausgeschlossen-sein Syndrom“ heißen! Oder ein Strafgefangener, der unter seinen Haftbedingungen leidet. Macht schon mehr Sinn, überzeugt mich aber auch nicht!

Dann bekam ich selbst eines. Ich erzähle die Geschichte von Anfang an. Es war an einem Sonntag im März 1995. Zu dieser Zeit war ich an der TU Dresden beschäftigt und besuchte eine Veranstaltung in Berlin, wo ich weiterhin eine großzügige Wohnung unterhielt. Ich war quasi Gast in der eigenen Wohnung.

Noch schnell ein paar Dinge am Schreibtisch erledigen, danach noch etwas Berliner Nachtleben tanken und am nächsten morgen in aller Frühe zurück nach Dresden. So war der Plan. Die Schreibtischarbeit habe ich zum Teil erledigt, aber dann kam alles anders. Das Unheil nahm seinen Lauf.

Wohl so gegen 20 Uhr muss es passiert sein. Ich war gerade fast mit der Arbeit am Schreibtisch fertig, als mir sehr, sehr schlecht wurde. Dies waren die letzten Sekunden in einem anderen Leben. Ich beschloss, mich auf das Bett zu legen, weil ich annahm, dass dann die Übelkeit aufhören würde.

An den eigentlichen Infarkt erinnere ich mich sehr gut. Noch ist mir das Gefühl von Explosionen im Kopf gegenwärtig. Innerhalb von Minuten war ich am gesamten Körper gelähmt. Auch Sprechen war nicht möglich. Ich war zur Statue, zur Salzsäule erstarrt. Ein wacher Geist fand sich in einem völlig gelähmten Körper gefangen.

Ich hatte einen Schlaganfall mit Locked-in Syndrom erlitten. Die Wissenschaftler Plum und Posner beschreiben diesen wie folgt: ein Zustand, …. in dem motorische Fähigkeiten erloschen sind, was zu einer Lähmung aller vier Gliedmaßen führt ….. , ohne dass das Bewusstsein beeinträchtigt wird. Die Lähmung …. verhindert eine Kommunikation mit Worten oder Bewegungen des Körpers.

Ich habe das Bewusstsein nicht oder nur sehr kurzfristig verloren und konnte meinen Körper verlassen. Ich nahm ihn unbekleidet und ohne jegliche geschlechtliche Merkmale wahr. Eine Lieblingsposition meines Körpers war, mit verschränkten Armen etwa im 30° Winkel unter der Zimmerdecke zu schweben.

Er konnte jede beliebige Stellung im Raum einnehmen. Er schwebte im Raum. Ich beschreibe hier ein Nahtoderlebnis, das Menschen haben, wenn sie dem Tod nahe sind oder auch nur glauben, ihm nahe zu sein. Wahrscheinlich sind solche Erlebnisse gar nicht so selten, aber aus verständlichen Gründen können die wenigsten darüber berichten.

Ich wurde vom Notarzt intubiert. Schließlich haben die Sanitäter meinen Namen gerufen, worauf ich leider nicht in der Lage war zu antworten. Zu diesem Zeitpunkt war ich mir in keinster Weise bewusst, was mit mir geschehen war.

Im Notarztwagen wurde ich mit den Worten "und Exitus" für tot erklärt. Ich meine, es ist nur wenigen Menschen "vergönnt", bei vollem Bewusstsein ihre eigene Todeserklärung mitzuerleben. Ich bin dann doch nicht im Leichenschauhaus oder der Pathologie gelandet.

Und heute: ich spreche; ich gehe mit einer Gehhilfe; ich leite einen kleinen Verein und eine kleine Stiftung. Nur wenige Menschen mit einem Locked-in Syndrom können in ein normales Leben zurück finden. Ich habe Glück gehabt. Ich habe ein zweites Leben geschenkt bekommen.

Nur gut, dass niemand weiß, was ihn morgen erwartet! Menschliche Existenzen können von einem auf den anderen Augenblick zerbersten. Bedenke: Dein kostbarstes Gut ist die Zeit, Deine Lebenszeit. Freue dich über jeden neuen Tag. Irgendwann wird unwiederbringlich Dein letzter Tag gekommen sein, Deine Zeit abgelaufen sein ….