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Gefährlicher Gewichtsverlust

Foto: Alfonso de Tomas/Shutterstock

Ein Gespräch mit PD Dr. Dr. med. Stephan von Haehling, Oberarzt der Klinik für Kardiologie und Pneumologie an der UMG in Göttingen, über die nicht seltene, aber selten erkannte Erkrankung Tumorkachexie.

PD Dr. Dr. med. Stephan von Haehling

Oberarzt der Klinik für Kardiologie und Pneumologie an der UMG in Göttingen

Was ist unter Tumorkachexie zu verstehen?

Tumorkachexie beschreibt einen ungewollten Gewichtsverlust, der im Rahmen einer Tumorerkrankung auftritt. Bei Tumorerkrankungen ist eine Kachexie im späten Krankheitsverlauf sehr häufig.

Sie kommt aber auch häufig bei anderen chronischen Erkrankungen vor wie bei chronischer Nieren- oder Herzschwäche oder auch bei COPD.

Wie kann man sie diagnostizieren?

Das geht eigentlich relativ einfach, indem man sich den Gewichtsverlauf des Patienten anschaut. Am besten geschieht dies über mehrere Monate oder ein Jahr. Natürlich muss das Gewicht immer unter gleichen Bedingungen und am besten mit derselben Waage festgestellt werden.

Das Problem ist, dass es keine eindeutigen Symptome einer Kachexie gibt

Wenn es zu einem langsamen – oder auch beschleunigten – Abbau von Gewicht kommt, der nicht durch eine Diät verursacht ist, dann kann man bei einem chronisch kranken Patienten davon ausgehen, dass dieser auch unter einer Kachexie leidet.

Einige Fachgesellschaften fordern daneben Zusatzkriterien, aber der Gewichtsverlust bleibt am wichtigsten.

Wie äußern sich die Symptome?

Das Problem ist, dass es keine eindeutigen Symptome einer Kachexie gibt. Die Patienten merken nur, dass sie dünner und meist auch schwächer werden. Das Phänomen tritt bei Normalgewichtigen genauso wie bei Übergewichtigen auf, bei Frauen wie bei Männern.

Hochverdächtig ist ein Gewichtsverlust von fünf Prozent oder mehr über einen gewissen Zeitraum. Diese Patienten können eine Tumorkachexie haben, unabhängig von ihrem aktuellen Gewicht.

Was passiert bei einer Tumorkachexie im Körper?

Bei Tumorerkrankungen spricht man gern von „konsumierenden“ Erkrankungen, weil sie die Energieressourcen des Körpers aufbrauchen. Dazu gehört der Abbau von Fett-, aber vor allem auch von Muskelmasse. Man kann dies als ein Ungleichgewicht zwischen Muskelauf- und -abbauprozessen verstehen, bei denen der Abbau überwiegt.

Wie häufig tritt die Erkrankung auf?

Das hängt in erster Linie von der Art des Tumors ab. Bis zu 80 Prozent der Patienten, die an Bauchspeicheldrüsen- oder anderen Tumoren des Magen-Darm-Traktes leiden, sind betroffen. Auch beim Lungenkrebs tritt die Tumorkachexie häufig auf. Bei Leukämie oder Tumoren des blutbildenden Apparates ist sie eher selten.

Die Tumorkachexie ist also nicht selten, aber selten erkannt. Warum?

Beschrieben wurde die Kachexie schon im alten Griechenland. Sie ist also wirklich nicht unbekannt. Überspitzt formuliert assoziieren aber viele Ärzte die Tumorkachexie mit einem schon offensichtlich abgemagerten Patienten.

Die eigentlich erfolgversprechende Therapie, eine Blockade des Muskel- und Gewebeabbaus zu erreichen, ist bisher noch nicht gelungen.

Dieses Bild gilt es zurechtzurücken, denn auch Übergewichtige können schon unter einer Kachexie leiden. Sie muss also erst einmal bemerkt und als solche diagnostiziert werden.

Auf der anderen Seite kann auch der Gewichtsverlust, als erstes von den Patienten bemerktes Symptom auf eine chronische Erkrankung hindeuten. Dann muss man möglicherweise nach einem Tumor suchen.

Welche Ärzte sind für die Diagnose entscheidend?

Gefragt ist nicht nur der Hausarzt, sondern jeder Arzt, der aktuell die chronischen Erkrankung des Patienten therapiert. Denn mit der Kachexie verschlechtert sich die Prognose des Patienten und – bedingt durch den Abbau von Muskelmasse – auch die körperliche Leistungsfähigkeit und die Lebensqualität.

Gibt es bereits Ansätze, um eine Tumorkachexie zu therapieren?

Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Studien, die sich des Problems der Therapie der Kachexie angenommen haben. Ein Präparat zur Therapie der Tumorkachexie steht jedoch noch nicht zur Verfügung.

Das Problem besteht zum einen darin, dass die Kachexie nicht allein durch eine Erhöhung der Energiezufuhr, also eine Erweiterung der Nahrungsaufnahme zu bewältigen ist. Die eigentlich erfolgversprechende Therapie, eine Blockade des Muskel- und Gewebeabbaus zu erreichen, ist bisher noch nicht gelungen.

Daher wird derzeit vor allem eine Stimulation des Appetits und auch körperliche Aktivität empfohlen. Soweit Tumorpatienten zu Sport in der Lage sind, sollten sie hier ihre Möglichkeiten ausloten, um dem Muskelabbau entgegen zu wirken.

Davon unabbhängig muss natürlich die Konzentration der behandelnden Ärzte auf der Therapie der jeweiligen chronischen Grunderkrankung liegen.

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HAE

Der Antikörper gegen den Anfall

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Markus Magerl vom Allergie-Centrum-Charité-Universitätsmedizin Berlin über wirkungsvolle und neue Therapien gegen das hereditäre Angioödem (HAE).

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Prof. Dr. Markus Magerl

Professor am Allergie-Centrum-Charité-Universitätsmedizin Berlin

Sie betreuen nun schon seit vielen Jahren HAE-Patienten. Was ist die Schwierigkeit bei der Diagnose dieser Erkrankung?

Die größte Herausforderung ist sicher, dass Ärzte sie überhaupt wahrnehmen. Typischerweise müssten Kinderärzte als Erste darauf aufmerksam werden. Aber auch Notfallambulanzen, Allergologen oder Dermatologen kommen regelmäßig mit HAE in Berührung. HAE bricht als genetische Erkrankung meist im frühen Jugendalter aus. 90 Prozent der Patienten sind bis zum 21. Lebensjahr symptomatisch geworden.

Wo liegen die größten Gefahren einer Verwechslung mit anderen, häufiger auftretenden Erkrankungen?

HAE äußert sich durch sichtbare Schwellungen, die häufig mit Allergien verwechselt werden. Bei Schwellungen im Kehlkopfbereich kann es sogar lebensbedrohlich werden. Hinzu kommen starke, krampfartige Bauchschmerzen, die oft tagelang anhalten können. Leider kann das auf eine ganze Reihe an Erkrankungen hinweisen, wie zum Beispiel Gallensteine, Entzündungen im Bauchraum oder Nierenkolik. Deshalb wurden in der Vergangenheit zahlreiche HAE-Patienten operiert, oft am Blinddarm. Wie sich dann zeigte, war die Operation meist unnötig, es handelte sich „nur“ um eine HAE-Attacke. Gerade bei Kindern können Bauchschmerzen zahlreiche Ursachen haben, HAE ist nur eine davon.
Einer von 50.000 Menschen soll laut Schätzungen unter HAE leiden. Viele Ärzte werden der Erkrankung HAE bei ihren Patienten daher nicht begegnen. Es braucht nötige Erfahrung, aber eben auch überhaupt die Kenntnis und das Bewusstsein, dass sie existiert. Jede seltene Erkrankung ist für sich selten. Aber die seltenen Erkrankungen an sich sind es eigentlich nicht.

Wurden in den vergangenen Jahren denn in der Diagnostik der Erkrankung Fortschritte gemacht?

Ich habe mich an der Charité seit 2003 um die ersten Patienten in einem kleineren Kreis gekümmert. Mittlerweile betreuen wir 200 Betroffene. Es gibt also mehr Erfahrung damit und Bewusstsein dafür. Der Nachweis nach einem Test ist dann das geringste Problem. Da reichen ein, zwei Blutwerte aus dem Labor und man erhält Auskunft. Bei HAE fehlt ein funktionsfähiges Protein. Diesen Mangel kann man schnell beweisen.

Wie sieht die Therapie nach der Diagnose aus?

Prinzipiell gibt es zwei Strategien der Behandlung: entweder die auftretenden Schwellungen akut therapieren oder im Rahmen einer Prophylaxe danach streben, das Auftreten von Attacken zu verhindern.
Früher wurden Frauen wie Männer oft mit männlichen Geschlechtshormonen behandelt. Das führte zu zahlreichen, nicht ungefährlichen Nebenwirkungen, unter anderem zur Vermännlichung oder auch zu Bluthochdruck oder erhöhten Leberwerten.
Da den Betroffenen das C1-INH-Protein im Blutplasma fehlt, führt man es ihnen inzwischen zu. Das ist schon ein riesiger Fortschritt. Bisher mussten Patienten das Mittel intravenös spritzen. Das bedeutete entsprechendes Training für die Selbstinjektion, Hygiene, viel Ruhe und Platz. Außerdem war es in der Regel zweimal in der Woche notwendig. Inzwischen gibt es neue Präparate, bei denen Patienten nur zweimal pro Monat spritzen müssen, manche Patienten sogar noch seltener. Außerdem ist das subkutan möglich. Wie bei der Insulinspritze reicht die Injektion direkt unter die Haut. Man muss nicht wie bei der intravenösen Anwendung exakt eine besondere Stelle treffen. Das ist vergleichsweise leicht und funktioniert fast im Vorübergehen. Patienten spritzen dafür einen Antikörper, der Anfälle vermeidet. Sie senken so nach unserer Studie, die auch an der Charité durchgeführt wurde, die Häufigkeit der Schwellungen um knapp 90 Prozent, fast jeder achte Patient wurde vollkommen attackenfrei.

Welche Wirkung hat eine auf den Patienten abgestimmte Therapie auf den Alltag?

Bei allen Therapien gilt, dass Patienten zwar damit nicht geheilt sind. Aber wenn Medikamente gut wirken, können sie ihre Krankheit endlich aus dem Kopf bekommen. Früher war sie ständig präsent. Ein Notfallplan mit Medikamenten ist bei diesen Patienten Pflicht. Sie hatten früher zum Beispiel Angst, dass sie bei Ausflügen am Wochenende eine Attacke erleben und zur Vorsorge immer ein Krankenhaus in der Nähe sein müsste. Dieser psychische Leidensdruck fällt oft weg, sie leben frei von HAE-Beschwerden und fühlen sich gesünder.

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