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Kinderarzt Dr. Mönch spricht über ein Leben mit Tyrosinämie Typ 1

Foto: Zaharia Bogdan Rares/Shutterstock

Im Interview spricht Prof. Dr. med. Eberhard Mönch über die angeborene Stoffwechselstörung Tyrosinämie Typ 1.

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Prof. Dr. med. Eberhard Mönch

Kinderarzt und Spezialist für angeborene Stoffwechselstörungen

Sie arbeiten seit über 40 Jahren mit Patienten, die von der seltenen Erkrankung Tyrosinämie Typ 1 betroffen sind. Wie äußert sich diese Erkrankung?

Die Tyrosinämie Typ 1 ist eine angeborene Stoffwechselstörung. Die klinischen Symptome sind sehr vielfältig und erst einmal unspezifisch. Wenn man die Erkrankung klinisch erfassen will, muss der Patient sehr krank sein. Die Patienten leiden unter einer erhöhten Blutungsneigung, einem geschwollenen Abdomen, Bauchschmerzen und unter Entwicklungsverzögerung. Darüber hinaus können sich die Patienten auch mit Ödemen, Dyspnoe, Desorientiertheit oder Bewusstseinsverlust präsentieren. Unbehandelt führt diese Erkrankung zum frühzeitigen Tod der Patienten. Grund hierfür sind toxische Abbauprodukte, die durch einen Enzymdefekt im Körper gebildet werden.

Wie bei allen seltenen Erkrankungen ist auch bei Tyrosinämie Typ 1 eine möglichst frühzeitige Diagnose entscheidend für den Therapieverlauf. Welche Bedeutung hat hier das Neugeborenenscreening?

Bei seltenen Erkrankungen ist der erste Punkt: Daran denken! Je früher ein FumarylacetoacetaseDefekt erkannt wird (noch vor den ersten klinischen Symptomen!), umso geringer werden die Organschäden sein und umso günstiger ist die Langzeitprognose für die Patienten. Durch das nun seit 2018 etablierte Neugeborenenscreening können schwere Organschäden und Todesfälle durch Tyrosinämie Typ 1 vermieden werden.

Seit 2005 ist eine wirksame Therapie zugelassen. Wie sieht die Behandlung genau aus, wie gestaltet sich der Alltag der Patienten?

Nach Sicherung der Diagnose Tyrosinämie Typ 1 muss sofort mit der medikamentösen Therapie, der Gabe von Nitisinon begonnen werden. Als Nebenwirkungen dieses Medikamentss kommt es zur Erhöhung der Blutkonzentrationen von Tyrosin, meist auch von Phenylalanin. Um dieses zu verhindern, müssen die Aminosäureveränderungen mit einer tyrosin- und phenylalaninreduzierten Kost ausgeglichen werden. Meist erfolgt dies durch Reduktion der Zufuhr von natürlichem Protein. Das bedeutet für die Patienten, dass sie neben der Medikamenteneinnahme also eine eiweißreduzierte Diät, unter Zugabe von tyrosin- und phenylalaninfreien Aminosäurengemischen einhalten müssen, und das ein Leben lang. Zusammen mit einer frühen Erkennung der Erkrankung, jetzt durch das Neugeborenenscreening möglich, haben diese Patienten aber die Chance, ein fast normales Leben zu führen.

Welche Rolle spielt hier die Grundlagenforschung, um seltene Erkrankungen in der Tiefe zu verstehen und Therapien auf den Weg zu bringen?

Ohne Grundlagenforschung lässt sich die Mehrzahl der genetisch bedingten Defekte, deren Symptome schon bekannt sind, ursächlich nicht klären. Aber erst nachdem die Ursachen für die Entstehung der Krankheit und deren Pathophysiologie erforscht wurden, kann gezielt nach Therapiemöglichkeiten gesucht und dann eine Behandlung etabliert werden.

Auch wenn das deutsche Gesundheitssystem eines der besten weltweit ist: Wo haben wir noch Nachholbedarf, speziell wenn es um seltene Erkrankungen und deren Diagnostik und die spezialärztliche Versorgung geht?

Während in Deutschland das Neugeborenenscreening auf einem im internationalen Maßstab hohen Niveau etabliert ist, hinkt die klinische Betreuung der Patienten mit seltenen Erkrankungen hinter den Notwendigkeiten hinterher. Es sieht so aus, als würden die im Gesundheitswesen Verantwortlichen die seltenen Erkrankungen zu den Kinderkrankheiten rechnen. Vor circa 50 Jahren wurde das Neugeborenenscreening auf Phenylketonurie etabliert. Deutlich mehr als die Hälfte der seit dieser Zeit erfassten und therapierten Betroffenen hat das Erwachsenenalter erreicht, ohne dass für diese Gruppe von Personen entsprechende Versorgungseinrichtungen geschaffen wurden. Aber selbst die pädiatrischen Zentren für die Diagnostik und Therapie seltener Erkrankungen sind durch Einzelinitiativen entstanden und meist in universitäre Einrichtungen gewachsen. Selbst der Deutsche Ethikrat hat die Verbesserung der Versorgung von Patienten mit seltenen Erkrankungen angemahnt und die Mangelversorgung angeprangert!

Zitat Ethikrat: „Menschen mit einer seltenen Erkrankung sehen sich mit einer Vielzahl von Schwierigkeiten konfrontiert: falsche oder verspätete Diagnosestellung, Mangel an Informationen, psychische Belastung durch die Isolation, problematischer Zugang zu qualifizierten Facheinrichtungen und fehlende Hoffnung auf Heilung sowie fehlende praktische Unterstützung im Alltag. Die Seltenheit der einzelnen Erkrankungen erschwert aus strukturellen, medizinischen und ökonomischen Gründen sowohl die medizinische Versorgung der Betroffenen als auch die Forschung zur Verbesserung von Diagnose und Therapie. Schwierigkeiten bestehen vor allem beim Zugang zu qualifizierten Facheinrichtungen.“

www.ethikrat.org

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